Erfahrungsbericht Amy und Frau Navratil

Amy2Amy kam über eine Tierheim-Aussendung zu uns. Eine Tierheimmitarbeiterin war sehr dahinter, dass die Nachricht bei mir landete – denn zu drei Belgiern passt doch garantiert ein vierter. Das kleine Würmchen wurde im Alter von geschätzten 12 Wochen schwer krank und abgemagert als „Fundhund“ abgegeben, was keiner der Tierheimleute so recht glauben wollte. Offenbar handelte es sich bei den „Findern“ um ihre Besitzer, die die Kosten für die Behandlung nicht tragen wollten. Nach Intensivbehandlung und- pflege wurde nun ein Platz für sie gesucht, möglichst bei Leuten, die einen kleinen Malinois aushalten … Ein Blick auf das Foto hat genügt, um alle Vernunft vergessen zu lassen und einen Termin zu vereinbaren. Infos über die kleine Maus gab´s so gut wie keine, von Interesse war eigentlich nur, ob sie gesundheitlich stabil genug wäre, um umzuziehen. Sie wäre nun ca. 16 Wochen alt, sehr freundlich und ließe sich alles gefallen, wurde uns mitgeteilt. Die Pfleger hatten sie offenbar sehr gern und sich liebevoll um sie gekümmert, sie mit ins Büro genommen, Spaziergänge mit ihr unterommen, und sie hatten viel Verständnis dafür, dass ich meine eigenen Hunde im Zeitraum von drei Tagen einzeln mitbrachte, um die Kleine kennenzulernen. Hätte einer von ihnen Aversionen gegen sie gehabt, hätte ich sie nicht mitgenommen. Mein Rüde und meine damals 14 Jahre alte Hündin, die Welpen über alles geliebt hat, waren hellauf begeistert von ihr, die mittlere Hündin verhielt sich freundlich-neutral. Also kauften wir ein viertes Körbi, ein Geschirr, eine Schleppleine, führten Gespräche mit einer Freundin, die sich zusätzlich noch um Beschäftigung für die Kleine kümmern wollte und holten sie am Tag vier mit der ganzen Bande ab. Ein Vorbesuch oder ein Vorgespräch fanden nicht statt, nachdem bei uns sowieso der Wunschplatz für die Kleine war. Bei den Pflegerinnen gab es trotzdem Tränen …

Weihnachten 2012: Amy zeigt sich tatsächlich überaus freundlich Menschen gegenüber, hat auch mit unseren Katzen kein Problem. Sie versteht auch sofort, dass es nicht schneller Futter gibt, wenn sie sich möglichst hoch springt und sich fest in einen Arm verbeißt … Wahrscheinlich sind ihre Vorbesitzer mit ihr überfordert gewesen. Sie schnappt hemmungslos nach sich bewegenden Beinen, fordert Futter, klettert auf den Tisch, stiehlt wie ein Rabe und zerfetzt alles, was ihr unterkommt – Übersprungshandlung! Jeder Zaun wird als erstes nach einem Fluchtweg untersucht. Nachdem ich seit ca. 30 jahren mit „nervigen“ Belgiern zu tun habe, bekommen wir die Anfangsschwierigkeiten schnell und freundlich in den Griff. Sie braucht Unmengen an Kauknochen, um sich abzureagieren, und muss vor allem lernen, sich zu entspannen. „Schlafen gehen“ ist das erste, woran wir arbeiten. Das nächste ist die nackte Todesangst vor dem Tierarzt, den wir gleich einmal besuchen müssen und wo sie in Schreckensstarre verfällt. Nach einigen Tagen löst sich nämlich im seitlichen Brustbereich großflächig Haut ab und eine riesige hässliche Narbe kommt zum Vorschein. In der Flanke zeigt sich eine keisrunde Narbe wie von einer Verbrennung. Das Tierheim kann uns, danach befragt, darüber keine Auskunft geben. Sie ist ein schlechter Fresser, erbricht hin und wieder und frisst Unmengen Gras und nach wie vor fruchtbar mager. Dazu erfahren wir vom Tierheim, dass sie wahrscheinlich ein Magengeschwür hat. Sie wird mit Magenschoner behandelt, die Symptome bessern sich. Ja, sie lässt sich alles gefallen, aber ihre Angst beim Tierarzt ist furchtbar anzusehen. Die Tierärztin, die unzählige „Nur-Besuche“ befürwortet, zählt nun übrigens zu ihren engsten Freunden.

Jänner 2013: Nach einer Woche bei uns verliert sie einen Zahn, es stellt sich heraus, dass sie gegen Ende des Zahnwechsels ist. Sie ist also älter als geschätzt.Sie wird sehr langsam sauber, immer wieder passierten kleine „Unfälle“. Vor Gürteln, Maßbändern und ähnlichen Utensilien flüchtet sie weinend unters Sofa. Das Auftragen von Flohtropfen, Bürsten, Pfoten abwischen, jegliche Art von Pflege gestaltet sich als Drama. Die Narbe ist schmerzhaft, der ganze Hund stark verspannt. Wir lassen sie von einer Osteopathin behandeln.

Februar 2013: Amy entwickelt neue Strategien. Sie kaut zwangshaft an Kauknochen, zerrupft Teppiche und Decken, wenn Besuch kommt. Jede, auch positive Aufregung bedeutet zuviel Stress. Sie hat „keine Zeit“ für Streicheln und Kuscheln, tobt bis zum Umfallen bzw. bis man sie stoppt, weil es sowohl ihr selber als auch den anderen Hunden zu viel wird. Das soll noch länger so bleiben. Nachts verkriecht sie sich in ihr Körbchen, ganz im Gegensatz zu den selbst aufgezogenen Welpen, die ständig Körperkontakt gesucht haben. Sie schläft nicht durch, sondern tappt nachts herum, bellt, ist unruhig. Wir beginnen mit Amy die Ausbildung zum Mantrailer und verzichten dabei auf jede Art von „Anhetzen“. Es zeigt sich, dass sich überhaupt kein Selbstvertrauen hat. Über ihrer Narbe wachsen weiße Haare nach. Sie trägt nun also ein „Brandzeichen“ in Form einer Gürtelschnalle… Amy lernt schnell, trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass ich keinen Draht zu ihr bekomme. Sämtliche ihrer Äußerungen münden in Übersprungshandlungen. Unsere anderen Hunde kann ich „lesen“, sie sind alle äußerst kommunikationsfreudig und spielen sehr gern auch ohne Spielzeug mit mir. Das geht mir bei Amy ab.

Anfang März 2013: Wir müssen unsere alte Tervueren-Hündin einschläfern. Ihr Herz versagt. Die große alte Dame, die die ganze Bande mit nur einem Blick zur Räson bringen konnte, ist nicht mehr da. Unser Rüde schließt sich mit Amy zusammen, die andere Tervueren.Hündin, die 10-jährige Tochter der Alten, wird zum „fünften Rad am Wagen“. Der Rüde (kastriert) bekundet erstes Interesse an Amy, meine Tierärztin schätzt sie laut Zähnen auf 8-9 Monate. Nachdem wir unsere alte Hündin vor drei Jahren beinahe wegen einer Pyometra und einem Mammatumor verloren hätten, beschließen wir eine Kastration.Ich bin bei der Kastration dabei und nehme sie gleich wieder mit nachhause. Nach drei Tagen rast sie wieder herum.

April 2013: Da ich Seminare gebe und Amy und meinen Rüden mitnehmen möchte, brauchen wir einen „Gesellschaftshund“ für unsere 10-Jährige. Mein Mann verguckt sich in eine Internet-Anzeige aus der Tötungsstation Nitra. Dazu später mehr. Frau Navratil zieht ein.

Mai 2013: Amy wird nach der Kastration läufig, danach scheinträchtig und aggressiv gegenüber den anderen Hunden, Menschen gegenüber jedoch übermäßig unterwürfig, sie krümmt sich zusammen, pinkelt sich an, wenn man sie anspricht. Sie entwickelt fremden Hunde gegenüber massive Leinenaggression, ist in der Scheinträchtigkeit apathisch, desinteressiert, inappetent, und ihr Gesäuge schwillt heftig an. Ihr Magen macht ihr wieder Probleme.

Juli 2013: Der Spuk, der mit Resthormonen erklärt wurde, ist vorbei. Amy wird wieder hyperaktiv. Wir bringen ihr Kunststücke bei, beschäftigen sie mit Suchspielen und Mantrailing, gehen schwimmen. Es gibt kleine Reibereien mit FRau Navratil, sie „kippt“ auch beim Spielen mit anderen Hunden, ist aber leicht zu unterbrechen. Meine Freundin besucht mit ihr eine Hundeschule und arbeitet an der Leinenaggression. Es fällt ihr schwer, sich zu konzentrieren. Wir arbeiten zu Hause in extrem kurzen Intervallen in Form von Shaping mit ihr, verzichten auf die Leckerli-Balli-Lockerei und lassen sie einfach ausprobieren. Die ersten Prüfungen besteht sie mit „Vorzüglich“.

Oktober 2013: Amy wird wieder läufig und vom kastrierten Rüden gedeckt. Die darauffolgende Scheinträchtigkeit ist dramatisch. Wir stehen vor einem Rätsel.

Jänner 2014: Amy wird sofort nach der Scheinträchtigkeit wieder läufig. Wir fahren auf die VetMed zum Ultraschall, und direkt an der Niere befindet sich hormonbildendes Gewebe, woher auch immer.

Februar 2014: Amy wird ein auf der VetMed ein zweites Mal operiert und trotz aller Vorsichtsmaßnahmen unsererseits schwer traumatisiert – Käfig, alleinsein etc. Ich hole ein nervliches Wrack nach Hause. Wieder müssen wir sie mit Magenschonern behandeln, da sie häufig erbricht und nur zögerlich frisst.

März 2014: Amy attackiert meine Tervuerenhündin. Auslöser ist Aufregung – eine Freundin kommt spätabends zu Besuch. Es sieht nach Ernstkampf aus, und es kommt zu schweren Bissverletzungen der anderen an Kopf, Ohren und Pfoten. Amy hat sich so fest in ihren Kopf verbissen, dass wir sie nur zu zweit trennen können, sie selbst bleibt unverletzt. Mein Mann ist schockiert und will den Hund abgeben. Ich führe ihr Verhalten auf die Operation zurück. Auf meine Nachfrage auf der Uni Wien erhalte ich die Auskunft, es handle sich wahrscheinlich um hormonelle Imbalancen, die vielleicht wieder weggingen, vielleicht auch nicht. Wir kaufen uns Türgitter und trennen die Hündinnen. In unserem Haus sieht es aus wie in einem Hochsicherheitsgefängnis. Wir beginnen mit social walks und versuchen die beiden wieder aneinander zu gewöhnen. Eine Freundin, die Hundetrainerin ist, hilft uns dabei, Amy wieder höfliches Benehmen beizubringen. Die andere Hündin ist ihr gegenüber nicht aggressiv, jedoch verständlicherweise misstrauisch. Amy lernt, bei Aufregung ein Spielzeug zu bringen, sie lernt, dass Deeskalierung immer eine gute Lösung ist. Wir arbeiten ausschließlich über Bestärkung von erwünschtem Verhalten. Sie ist jedoch nach wie vor verstört und depressiv und droht die anderen Hunde an. Der Rüde ignoriert sie, die kleine Frau Navratil ist gestresst. Ich bin ebenfalls gestresst von der räumlichen Trennung der Hunde, versuche aber, gut funktionierende Rituale wie z.b. Fütterung im selben Raum beizubehalten. Auch Ressourcen wie Spielzeug oder Kauknochen lösen keine Konflikte aus, da in Massen vorhanden.

Ende April 2014: Nach einigen Wochen Arbeit mit einer Hausleine können die beiden Damen wieder in einem Raum lassen, ohne überraschende Übergriffe von Amy befürchten zu müssen. Anstarren wird unterbrochen, Drohgebärden damit beantwortet, dass wir Amy kurz aus dem Raum bringen, damit sie „runterkommt“.

Mai 2014: Gemeinsame Spaziergänge sind wieder stressfrei möglich. Wir können mit den Hunden wieder Ausflüge machen, schwimmen fahren. Amy krabbelt eines Nachts plötzlich in mein Bett, das sie bis heute als besten Platz zum Schlafen betrachtet. Sie beginnt Körperkontakt zu suchen und zu genießen.

Juli 2014: Die Gitter werden abgebaut. Die beiden Damen schlafen wieder entspannt nebeneinander am Sofa, anfangs noch getrennt von einem dicken Polster, der mit der Zeit auch immer unwichtiger wird. Amy entwickelt sich ständig weiter, sie wird ein richtiger Clown und ist mit Feuereifer überall dabei, und sie überschüttet uns mit Zuneigung. Damit wird sie auch eifersüchtig auf die andere Hunden – sie will am engsten dabeisitzen, am meisten gestreichelt werden. Sie entdeckt die „Ressource Mensch“. Sämtliche Besucher werden instruiert, sie nicht zu wichtig zu nehmen. Wir unterbrechen jedes Dazwischendrängen, jedes Rempeln, führen neue Rituale ein.

August 2014: Unsere nun 12-Jährige erkrankt an iatrogenem Cushing. Amy kommt mit ihrer Verwirrtheit und ihren langsamen Bewegungen schwer zurecht und droht sie einige Male an, was wir wieder damit beantworten, dass wir sie kurz aus dem Raum bringen. Das genügt vollkommen, um wieder Ruhe einkehren zu lassen. Wir kümmern uns intensiv um die Ältere und bekommen die Krankheit wieder in Griff.

November 2014: Amy ist ein lebhafter, intelligenter und überaus vergnügter kleiner Mali geworden, sehr aufmerksam, lernbegierig und voller Lebensfreude. Sie hat den Spitznamen „Strolchi“ bekommen, weil sie übers ganze kleine schwarze Gesicht lachen gelernt hat und uns mit ihren Einfällen immer wieder zum Lachen bringt. Sie ist fähig, stundenlang mit ihrer besten Freundin Frau Navratil stinkfaul am Sofa zu couchen und mit ihr dosiert zu spielen, mit uns zu kuscheln, uns mit welpenartigen „Liebesanfällen“ zu überfallen und sich völlig zu entspannen. Der äleren Hündin gegenüber benimmt sie sich höflich und rücksichtsvoll, der Rüde ist für wirklich tolle Rennspiele der bevorzugte Spielpartner. Kauknochenorgien und Zerstörungsanfälle gehören der Vergangenheit an. Sie ist überaus folgsam und versucht, alles richtig und noch besser zu machen. Durch das Mantrailen hat sie stufenweise Konzentration gelernt, die Erfolgserlebnisse tun ihr gut. Sie beherrscht nebenbei auch so ziemlich alles, was ein Service-Hund können soll, und freut sich über jede neue „wichtige“ Aufgabe. Klar, sie fordert Beschäftigung, sonst wäre sie kein Mali – auch wenn sie ein Kipp- und ein Stehohr hat, was sehr lustig aussieht. Am Abend hüpft sie mit schönster Selbstverständlichkeit ins Bett und rollt sich unter der Decke zusammen und bleibt in der Früh ganz gerne ein wenig länger liegen.

Wenn wir gewusst hätten, was auf uns zukommt: Ich bin nicht sicher, ob wir sie zu uns genommen hätten. Die anderen Hunde waren zeitweise stark verunsichert bwz. gestresst, teilweise ging ihnen die Hektik der Kleinen ziemlich auf die Nerven. Ohne viel, viel Nachdenken und Management hätte das auch nicht funktioniert, und eigentlich war es nur möglich, Amy zu einem „normalen“ Hundeleben zurückzuführen, weil ich selbstständig bin, mein Büro zuhause habe und die Hunde ständig bei mir sind. Andererseits denke ich mit Schaudern daran, was aus ihr geworden wäre, wenn sie zu einem unerfahrenen Hundehalter gekommen wäre, der sie wohlmöglich für ihr Verhalten bestraft hätte. Wenn ich ihr jetzt beim Spielen mit den anderen zusehe, wenn sie mich offen und begeistert anschaut und mit einem kecken Blick zurück mit einem Schuh im Maul vorbeiflitzt, dann wäre jeder Tag ohne sie ein verlorener Tag.

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amy & frau navratilFrau Navratil kommt aus Nitra, genauer: aus Lukenec. Mein Mann wünschte sich nach dem Tod unserer alten Hündin wieder ein Hund, aber es sollte ein kleiner Hund sein, ein ruhiger, unkomplizierter, der ihm allein gehören würde, weil die drei Belgier offensichtlich mir gehören, und möglichst wieder eine Hündin. Und unbedingt aus dem Tierheim, er wollte einen „armen Hund“ retten.
Mir gefiel die Idee nicht wirklich. Zwar ist unsere Tervueren-Hündin den Umgang mit kleinen Hunden gewohnt, weil sie mit einem Zwergspitz aufgewachsen ist, aber weder Amy noch Luzifer, mein Tervueren-DSH-Mix, haben wirklich Erfahrung mit Zwergen. Mir wäre ein Welpe lieber gewesen, der später einmal eine „vernünftige“ Größe bekommt.
Nach Recherchen im Internet fanden wir „Simbi“, die bereits auf einem Pflegeplatz in Österreich zu besichtigen war. Ca. 30 cm hoch, 1-2 Jahre alt, kastriert, Pinschermix (ein dehnbarer Begriff), mit verschrecktem Gesicht, wolfsfarben mit spitzen Ohren. Mein Mann war entzückt, und so nahmen wir Kontakt auf.
Ein paar Tage später besuchte uns eine Mitarbeiterin von animal hope nitra und befand den Platz für den Hund mehr als wunderbar. Allerdings war ich im nachhinein ein wenig verärgert darüber, dass sie ihre ganze Überredungskunst einsetzte, um mich als Pflegestelle zu gewinnen, was ich meinen eigenen Hunden gegenüber verantwortungslos finden würde.
Ein Termin auf neutralem Boden wurde vereinbart, damit sich die Hunde kennenlernen konnten. Mein Mann traf sich mit der Dame, die sich um die Kleine kümmerte, auf einer Autobahnabfahrt, und später hat er mir gestanden, dass bereits dort alles entschieden war. Als der kleine Kopf am Rücksitz auftauchte, war es schon um ihn geschehen.
Mich dagegen traf beinahe der Schlag, als der Zwerghund einmarschierte. Frech, mit wedelndem Ringelschwänzchen und gesträubtem Fell kam sie auf meinen riesigen Rüden zu, der nicht so recht wusste, was er damit anfangen sollte. Sie war so winzig! Amy fand sie nett und verwickelte sie gleich in ein lustiges Spiel, während die Älteste sie einfach nicht zur Kenntnis nahm. Selbst mit den drei fremden großen Hunden schien die Kleine gar kein Problem zu haben, sie schnüffelte, hüpfte fröhlich an uns hoch und schien überhaupt sehr unkompliziert zu sein. Ihre Beschreibung passte allerdings gar nicht zu dem, was wir hier sahen: Sie sei sehr ruhig, wolle nach dem eiskalten Winter am Betonboden in Lukenec nur ein warmes weiches Plätzchen, ihre Lieblingsbeschäftigung wäre Sofa-Sitzen und kuscheln, äußerst verträglich, kein Jagdtrieb. Und das, wo ihr der Terrier aus den Augen leuchtete… Ich sah die Probleme richtig auf uns zukommen, doch mein Mann hatte sich bereits umumstößlich entschieden. Das und kein anderer war sein Hund, und zehn Minuten später saß sie auch schon auf seinem Schoß am Beifahrersitz und rollte vergnügt in Richtung neue Heimat.

April 2013 zieht also der neue Hund ein. Mit ihrem „wichtigen“ selbstbewussten Auftreten erinnert sie mich an eine Hausmeisterin, und ich nenne sie spontan „Frau Navratil“. Sie erkundet sofort das Haus, schließt fröhlich wedelnd Freundschaft mit unseren Katzen, die sich auf ihrem Niveau befinden, läuft ungeniert mit den anderen Hunden herum und ist offenbar nicht stubenrein. Sie bevorzugt saugfähige Teppiche. Bald kehrt Ruhe ein, und mit schönster Selbstverständlichkeit legt sie sich zu den anderen auf das Sofa, als wäre sie immer schon da gewesen. Nach dem ersten Schläfchen macht sie sich auf Futtersuche, und es zeigt sich, dass sie nicht gewillt ist, zu teilen. Wie eine Furie bewacht sie ihren Fund, einen der ca. 10 Kauknochen, die immer bei uns herumliegen. Die anderen Hunde, die ein solches Benehmen nicht gewohnt und nicht futterneidisch sind, weichen erstaunt zurück. Ich tausche den Kauknochen gegen ein Leckerli und übe bei der Gelegenheit mir ihr gleich „Sitz“ – das wir am Abend beim Füttern dringend brauchen werden!
Tatsächlich gestaltet sich die Fütterung sehr aufregend. Die Kleine dreht sich wie ein Kreisel, springt in die Luft, schlingt in einem Höllentempo ihre Portion hinunter und macht sich dann daran, die anderen von ihren Töpfen zu verscheuchen, was ich gottlob verhindern kann. Sie ist sehr schlau: Schon am nächsten Tag hat sie verstanden, dass Warten Sinn macht und dass es nach dem Essen „Nachtisch“ gibt, den man wiederum nur bekommt, wenn man sich auf einen bestimmten Platz setzt. Töpfe kontrollieren ist erlaubt, nachdem der andere Hund seinen Topf freigegeben hat. Hausregel Nr. 1 hat sie bereits gelernt: Beim Füttern gibt´s keinen Streit.

Beim ersten Spaziergang stellen wir fest, dass Frau Navratil nicht nur auf alles reagiert, was sich bewegt – Vögel, Mäuse, Blätter etc., sondern mit ihrer Nase am Boden klebt und in höchster Aufregung Wildspuren verfolgt.Von wegen kein Jagdtrieb. Mein Mann spielt mit ihr Ball. Offenbar kennt sie das Spiel und ist hellauf begeistert. Sie hortet allerdings ihre „Beute“, um sie notfalls zu verteidigen. Uns gegenüber ist sie äußerst zutraulich und anhänglich, klebt förmlich an meinem Mann, der sie total verwöhnt.

Einige Tage später entdeckt sie, dass ihr das Futter unserer Pferde schmeckt. Sie findet ein paar Körnchen am Boden, die heftig sie gegen unter Älteste, die zufällig vorbeikommt, verteidigt. Es kommt zu einem kurzen lauten Handgemenge, das wir unterbrechen. Verblüfft stellt die Kleine fest, dass sich die andere nichts gefallen lässt. Die Ältere hat zwar nichts gegen den Neuzugang, fordert aber gewissen Respektabstand. Den nächsten Knatsch gibt´s über einem Mauseloch, das Frau Navratil ebenfalls inspizieren möchte.
Auch mit Amy gibt es einige, relativ harmlose Auseinandersetzungen, in denen es immer um Ressourcen geht: gefundenes Essen, ein besonders beliebtes Spielzeug, einen besonders bequemen Platz. Einige Male kippt das Spiel zwischen den beiden, weil Amy zu grob wird und die Kleine sich zur Wehr setzt. Wir passen auf.
Aus Unsicherheit schnappt sie auch nach Luzifer, der, geduldig wie er ist, nicht darauf eingeht. Er zeigt wenig Interesse an dem kleinen Hund, ist aber nett zu ihr.

Frau Navratil hat von dem Mauselochstreit einen kleinen Kratzer auf der Stirn davongetragen, der unter dem dichten Fell unbemerkt geblieben ist. Der Kratzer entzündet sich, sich wehrt sich mit Leibeskräften gegen eine Behandlung. Mein Mann gibt auf. In einer längeren Sofa-Sitzung lernt Frau Navratil in winzigen Schritten, dass es gar nicht so schlimm ist, sich überall anfassen zu lassen. Wer still hält, bekommt ein Leckerli. Nach zwei „Sitzungen“ kann ich ihre Wunde allein versorgen, die Ohren und die Zähne anschauen und die Krallen schneiden. Bei meinem Mann windet sie sich wie ein Wurm, versucht zu schnappen. Wir führen längere Gespräche, ich versuche ihn dazu zu bringen, Frau Navratil ebenfalls als vollwertigen Hund anzusehen, auch wenn sie klein ist.

Ein paar Wochen später verteidigt sie ihr warmes weiches Plätzchen im Bett gegen meinen Mann. Sie versucht nach ihm zu beißen, als er sich über sie beugt. Er ist zutiefst gekärnkt. Ich versuche ihm klarzumachen, dass die Kombination von Unsicherheit und Verteidigungsbereitschaft bei seinem Hund nicht gerade gut ist und er ernste Probleme bekommen könnte. Er schreibt sich in die Hundeschule ein und besucht mit Frau Navratil einen Familienhundekurs. Sie besteht die Prüfung mit „Vorzüglich“, fühlt sich aber unter den anderen Hunden nicht wohl. Immer häufiger geht sie auf Angriff, da sie von Herrli zu wenig Sicherheit bekommt und er ihr in brenzligen Situationen die Entscheidung überlässt, weil er einfach nicht aufpasst. Auch zuhause ist die Kleine gestresst. Amy ist scheinträchtig und Frau Navratil gegenüber völlig verändert. Ich schlage für sie ebenfalls einen Mantrailing-Kurs vor, da ihr Nasenarbeit großen Spaß macht und Herrli und sie nebenbei auch ihre Beziehung reparieren können. Tatsächlich ist sie in ihrem Element und blüht richtig auf.

Mai 2014: Wir fahren auf Kurzurlaub. Meine Mutter feiert einen runden Geburtstag, und wir wollen uns mit ihr in einem Kurort treffen. Amy bleibt bei meiner Freundin, die anderen kommen mit. Wir fahren ca. 4 Stunden mit dem Auto. Nach zwei Stunden Fahrt beginnt Frau Navratil zu zittern. Wir machen Pause, gehen spazieren. Sie bleibt ängstlich. So kennen wir sie gar nicht. Wir kommen im Hotel an, gehen wieder spazieren. Frau Navratil ist völlig verstört, sucht überall Schutz. Die anderen Hunde sind Reisen gewohnt und ganz entspannt. Nach dem gemeinsamen Abendessen und anschließendem Stadtbummel schläft sie völlig erschöpft im Hotelbett ein. Am nächsten Tag fahren wir wieder nach Hause. Sie ist quietschvergnügt, als wir ankommen. Ich habe das Gefühl, es hat sich einiges verändert. Für mich sieht es so aus, als ob sie erst jetzt verstanden hätte, dass sie bei uns bleiben darf.

Kurz darauf beginnt sie in der Hundeschule stark nachzulassen. Die „Unterordnung“ in der Gruppe verunsichert sie total, im Agility-Kurs wird sie von einem anderen Hund angegriffen. Sie kommt komplett erledigt von den Kursen zurück, beginnt zwanghaft an ihrer Hundedecke zu nuckeln, entwickelt eine richtige Verhaltensstörung. Ich rede meinem Mann ins Gewissen, mit der Hundeschule aufzuhören und bringe ihr ein paar lustige Tricks bei. Dabei bemerke ich, dass sie völlig verwirrt ist, wenn sie selbst auf eine Lösung kommen soll.
Mit viel Geduld erarbeiten wir innerhalb von ein paar Tagen „Pfötchen geben“, und dann geht plötzlich der Knopf auf. Frau Navratil erweist sich als absolutes Trick-Talent und hat Heidenspaß an der Sache. Sie überschlägt sich förmlich, wenn es darum geht, etwas Neues zu lernen! Bei der Gelegenheit stellt sich heraus, dass sie am besten durch Zusehen lernt. Wenn Amy jemand einen Socken auszieht, versucht sie es auch. Offenbar ist ihr die Hundegruppe mehr Halt als angenommen.
Mein Mann intensiviert das Mantrailen, Frau Navratil ist unglaublich eifrig dabei und löst mit der Zeit auch knifflige Situtaionen völlig selbstständig. Dann schreibt er sich für einen Trickdog-Kurs ein. In diesem Kurs sind alle Hunde verträglich und zusammen und arbeiten frei, ohne Leine, mit ihren Besitzern. Die Atmosphäre ist entspannt, Frau Navratil lernt, dass sie mit anderen Hunden zusammensein kann, ohne sich bedroht zu fühlen. Ihr Sozialverhalten bessert sich zusehends. Ihr „Freundeskreis“ erweitert sich, sie wird anderen Hunden gegenüber sehr aufgeschlossen und freundlich. Sie spielt für ihr Leben gerne (und lautstark!) mit anderen und kann die allerbesten Haken in einem Mördertempo schlagen.

04.09.13hSeptember 2014. Frau Navratil ist nun ein und ein halbes Jahr bei uns und fordert Luzifer erstmals zum Spielen auf. Er geht charmant darauf ein, legt sich auf die Seite und lässt sich von ihr spielerisch attackieren. Frau Navratil ist begeistert. Luzifer nimmt ab dem Zeitpunkt auch sie unter seinen persönlichen Schutz, wie Amy und die ältere Hündin. Nun gehört sie wirklich dazu. Es hat lange gedauert.

Frau Navratil ist jetzt kindersicher, sozial verträglich und unglaublich brav. Sie hat vollstes Vertrauen zu ihren Menschen und zu ihrer Hundegruppe, unterzieht Luzifer und Amy tagtäglich intensiven Grooming-Aktionen, braucht keine Leine, ist zu 100% rückrufbar und ein echtes Sonnenscheinchen. Dass Hunde, die aus einer Massenhaltung wie Lukenec kommen, selbstverständlich ein gutes Sozialverhalten haben, halten wir in der Zwischenzeit für ein Gerücht. Vielmehr haben sie Konkurrenz erlebt, Angst, Futterneid und v.a.m. Nach wie vor hat sie Angst vor Dunkelheit – wenn am Hundeplatz die Flutlichtanlage ausfällt, gerät sie in Panik – , vor Gegenständen wie Reitgerten oder Besen, vor denen sie unters Bett flüchtet. Sie ist hochsensibel und braucht eine ruhige, ausgeglichene Umgebung, um unbeschwert leben zu können.

Wir denken heute, dass Hunde aus dem Auslandstierschutz ganz spezielle Bedingungen brauchen, um sich wieder zurechtzufinden. Mein Mann ist jederzeit wieder dafür, einen Hund aus einer Tötungsstation zu retten. Ich denke, dass es nicht anders ist als mit jedem Welpen: Man vergisst, was sie alles angestellt haben. Bei den Tierheimhunden vergisst man genauso irgendwann die Probleme. Sie sind dann einfach da, und sie gehören dazu, wie jeder andere Hund auch. Wir lieben jeden einzelnen von ihnen: Letze-Bär, das Zwergerl vom eigenen Tervuerenwurf, die hier zur Welt gekommen ist. Luzifer, der mit 6 Wochen als Waisenkind zu uns kam, den ich eigentlich gar nicht haben wollte und der mein Herzenshund geworden ist. Amy, das verückte Huhn, mit ihrer unbekannten Vorgeschichte und Frau Navratil, die im „Lager“ ums Überleben gekämpft hat. Wir stellen fest, dass unsere Tierheimmäuse viel mehr an Zuwendung und Körperkontakt brauchen, weil ihnen die Basis fehlt – die Sicherheit, die selbst aufgezogene, vertrauensvolle und gut sozialisierte, auf den Menschen geprägte Welpen mitbekommen. Sie haben Dinge erlebt, die tiefe Spuren hinterlassen haben. Sie brauchen Verständnis und Geduld. Unsere eigenen Welpen fanden Bettschlafen nach ca. 2 Jahren unnötig und übersiedelten freiwillig in bequemere Hundekörbe. Die Tierheimmäuse werden uns länger brauchen, und das akzeptieren wir. Wir haben uns einfach ein größeres Bett gekauft.
Ob der nächste Hund wieder aus dem Tierheim kommt? Das weiß ich nicht. Lassen wir uns überraschen.

Vielen Dank an Elisabeth für den Bericht und das Bereitstellen der Fotos!

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Ein Gedanke zu „Erfahrungsbericht Amy und Frau Navratil

  1. Marion Werhan

    DANKE!!!
    Dieser Bericht hat mich sehr berührt! Ich bin mit Tieren groß geworden und lediglich die Vernunft (ich bin beruflich sehr eingespannt und oftmals nur zum Schlafen Zuhause) hat mich bisher davon abgehalten, dem herzerweichendem Blick so manchen Welpens zu erliegen und stattdessen inzwischen seit einigen Jahren ohne Hund oder Katze zu leben. Dieser Bericht hat mir die Tränen in die Augen getrieben und Ihre Tiere können sich überaus glücklich schätzen, ein mit Ihnen einen solchen Glückstreffer gelandet zu haben!…und JA: in anderen – womöglich unerfahrenere Hände geraten, hätte es für jedes Einzelne Ihrer Tierchen unter Umständen fatale psychische Folgen haben können! Um so besser, daß das Schicksal es so verdammt gut mit Ihnen gemeint hat!
    …und Nochmals:

    D A N K E

    …daß Sie diesen – Ihren – Erfahrungsbericht hier teilen!
    MfG

    Marion

    Antworten

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